Telemedizin und elektronische Gesundheitskarte
Die Cebit widmete in diesem Jahr Anwendungen und Produkten aus dem Gesundheitswesen einen eigenen Bereich. Schwerpunkte der Aussteller waren die Telemedizin und im Besonderen die Anwendung der elektronischen Gesundheitskarte.
Nachfolgend eine Auswahl meines Rundgangs:
Future Care hieß der Gemeinschaftsstand der BITKOM, der Bundesministerien für Gesundheit und Wirtschaft/Technologie sowie einer Anzahl von Unternehmen aus der Industrie und der Softwarebranche. In einem geführten Rundgang konnten die Besucher in Kleingruppen die praktische Anwendung der Gesundheitskarte erleben. Der Parcours war vom übrigen Ausstellerbereich abgetrennt. Durch die vorherige Anmeldung konnten die Teilnehmer den Ausführungen der Experten und den anschaulichen Rollenspielen folgen – ohne das sonst übliche Gedränge an den Ständen. An jeder Station wurde die später mögliche Situation beim Patienten zu Hause, beim Arztbesuch, in der Apotheke, in der Notfallmedizin oder in der Klinik nachgestellt. Fragen konnten direkt gestellt werden.
Stationen im Future Care Parcours waren:
Der Patient zu Hause: Aufzeichnung und Überwachung wichtiger Daten, z. B. Blutzuckerwerte, Blutdruck oder die Aktivität des Patienten. Der Hauptnutzen der Gesundheitskarte wird in der Betreuung chronisch Kranker oder in der häuslichen Pflege liegen, in Kombination mit medizinischen Messgeräten mit Einbindung in die telemedizinische Infrastruktur (Vermeidung von Medienbrüchen).
In der Arztpraxis/Zahnarztpraxis: Einchecken des Patienten am Kiosk (so der Sprachgebrauch für das Patiententerminal). Der Patient kann am “Kiosk”-Terminal vor dem eigentlichen Arztbesuch seine Stammdaten abgleichen und seine Praxisgebühr online bezahlen. Die einfachere Stammdatenpflege wird der Hauptnutzen in der ersten Phase sein. Bei Änderungen, beispielsweise der Anschrift, muss die Krankenkasse keine neuen Karten mehr ausstellen. Der Patient kann seine Stammdaten selber am Terminal oder über das Internet pflegen.
Im Arztzimmer wird die Karte ebenfalls in ein Lesegerät eingeführt. Der Patient schaltet die Daten für den Arzt durch die Eingabe seiner 6-stelligen Pin frei. Mit Ausnahme der Notfallmedizin bleibt der Patient immer Herr über seine Daten. Nur er bestimmt, wem welche Daten zur Verfügung gestellt werden. Biometrische Erkennungsverfahren werden vermutlich in einer späteren Phase folgen. Fachärzte können direkt auf die Patientendaten zurückgreifen. Auch der Arztbrief kann von Kollegen auf dem gesicherten Online-Weg angefordert werden. Im Vergleich zur Faxübertragung oder der heute häufig verwendeten einfachen E-Mail ein Plus an Sicherheit. Der Arzt kann direkt ein elektronisches Rezept ausstellen und – wenn der Patient dies wünscht – auch direkt in der Apotheke bestellen.
In der Apotheke: Wie in der Arztpraxis wird die Karte eingelesen und vom Patienten durch die Eingabe der 6-stelligen Pin freigegeben. Das Medikament wird aus einem automatischen Lager direkt in einen Ausgabeschacht transportiert. Ähnlich wie bei Geldautomaten ist auch ein 24-Stunden-Selbstbedienungsautomat geplant.
In der Notfallmedizin: Hier liegt sicherlich ein großer Vorteil der elektronischen Gesundheitskarte. Der Notfallarzt kann direkt auf die Krankengeschichte zurückgreifen und erhält wichtige Informationen für die Einleitung der ersten Notfallmaßnahmen (ein bewusstloser Patient kann keine Auskunft geben), z. B. im Hinblick auf Unverträglichkeiten. Auch die Aufnahmeprozedur des Patienten in der Klinik kann durch die Übertragung der Daten schon während des Transportes verbessert werden.
In der Klinik: Analog zum Transport liegt ein Nutzen in der schnelleren Notfallmedizin. Auch der „normal“ eingelieferte Patient, z. B. in der Ambulanz, wird zukünftig an einem Kiosk einchecken.
Fazit: Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte wird für den Patienten viel Nutzen bieten. Im zweiten Schritt (hier auch “Rollout” genannt; unter dem ersten „Rollout“ ist die reine physikalische Auslieferung der Lesegeräte gemeint) werden die Anwendungen Stammdatenpflege, Notfallmedizin und elektronischer Arztbrief genutzt werden können. Die 6-stellige Pin wird vermutlich zu praktischen Problemen führen. Ähnlich wie bei der Einführung der Bankautomaten werden wir uns in Zukunft auch an die Kioske im Gesundheitswesen gewöhnen (müssen).
Weitere interessante Messestände aus dem Bereich der Telemedizin waren:
Fraunhofer Institut für integrierte Schaltungen IIS: ActiSENS, eine Entwicklung von Sensoren zur Mobilitäts- und Bewegungsmessung für Patienten
Der Bewegungssensor in Form eines intelligenten Trainingsanzuges (oder Fitness-Shirts) erfasst Bewegungen, misst die Atmung und gibt die Daten zur Auswertung an ein PDA. Der Nutzer erhält Rückmeldung zu seinen Aktivitäten und wird zu seinen Gymnastik- und Reha-Übungen angeleitet. Über einen Beschleunigungssensor und einen Höhenmesser (in einer kleinen Box am Gürtel) zeichnet das Gerät den ganzen Tag hinweg Bewegungen in Klassen auf (Sitzen/Liegen, Gehen, Laufen, Fahrradfahren, Treppe hoch- und hinuntersteigen). Am Ende des Tages erhält der Träger seine persönliche Bewegungsbilanz: Ein guter Verbündeter gegen den „inneren Schweinehund“, z. B. bei Abnehmprogrammen für Übergewichtige. Darüber hinaus kann das PDA in eine telemedizinische Infrastruktur eingebunden werden. Einsatzgebiete des Fitnessbegleiters mit seinen unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten können die Präventionsmedizin, die Rehabilitation, der private Fitnessbereich und der Leistungssport sein (z. B. könnte eine Fußballmanschaft mit Fitness-Trikots ausgestattet werden). ActiSENS ist fertig entwickelt, aber noch nicht als Medizinprodukt zugelassen. Die Produktion und Vermarktung stehen noch aus.
Universität Greifswald: Homemonitoring von Glaukom-Erkrankten
In Deutschland gibt es ca. 1 Mio. Menschen mit einer Glaukom-Erkrankung. Der Patient misst zu Hause mit dem von der Uni Greifswald entwickelten Gerät regelmäßig selber seinen Augendruck und übermittelt die Daten an die Klinik oder den Augenarzt. Der Augenarzt kann durch die wesentlich dichtere Aufzeichnungswolke eine bessere Diagnose stellen und gezielter Therapieren (z. B. Veränderung der Medikation, Prognose des Erkrankungsverlaufs). In einer Studie wurde auch die betriebswirtschaftliche Vorteilhaftigkeit erwiesen. Das Gerät hat noch keine Kassenzulassung. Die Entwicklung der Universität Greifswald ist ein gutes Beispiel, wie die Telemedizin medizinischen und betriebwirtschaftlichen Nutzen bieten kann.
Bosch: Bessere Betreuung chronisch kranker Menschen mit Telemedizin Plus
Die Firma Bosch hat eine Telemedizin-Infrastruktur geschaffen, mit der chronisch kranke Menschen ihre eigenen Gesundheitsdaten messen und an ein medizinisches Zentrum übermitteln. Die Patienten können im Therapieprozess enger begleitet werden mit dem Ziel die Anzahl der Krankenhaustage zu reduzieren. Das mobile Gerät ist auch für ältere Menschen leicht zu bedienen.
Fazit des Messebesuchs auf der Cebit: Für Fachbesucher aus dem medizinischen Bereich bleiben die Medica und die IDS die Anlaufpunkte Nr. 1. Für die IT-Fans aus dem Gesundheitswesen lohnte sich der Besuch in der Messehalle „Medical“ als Ergänzung zum Messerundgang. Die Future-Care-Welt bot Patienten die Gelegenheit einen Einblick in die Telemedizin von morgen zu erhalten.








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11. November 2011 um 00:10
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